Dienstag, 31. Juli 2007

Der Stab VI.

„ Ich Kenar Mirrar vom Clan Jebel, erste Tochter von Kaidra Mirrar, Mati des Clans Jebel, erzähle, wie es mir zugetragen und mich gelehrt wurde.
Denn was geschehen ist, ist auch jetzt und wird immer sein.
Ich berichte über Ereignisse aus alter Zeit. Mit meinen Worten werdet ihr wandern, mit meinen Gedanken fliegen, mit meinen Augen sehen und mit meinem Herzen fühlen. Der Segen der Götter möge auf dieser Reise durch die Zeit auf uns ruhen.

Ich beginne vor einer langen Zeit, ein halbes Zwergenleben entfernt, als wir noch für uns in den Höhlen und Stollen von Jernstatt lebten.
Wir lebten in Clans, wie auch noch heute. Jeder Clan hatte große Höhlen und weitverzweigte Tunnelsysteme für sich selbst. Die allerdings auch mit denen der anderen verbunden waren. Die Clans beinhalten alle Familien und Verwandte desselben Familienstammes. Anders als bei den Menschen ist hier vor allem die weibliche Erblinie wichtig. Geleitet wird jeder Clan von einem Oberhaupt, wir bezeichnen sie als Mati, was soviel wie „Mutter“ bedeutet, was sie auch für ihren Clan sein soll.

Freitag, 8. Juni 2007

Der Stab V.

Jetzt wollte sie mit der Geschichte anfangen, die sie sich seit Jahren zurecht gelegt hatte. Doch die Gedanken und Worte wollten wie wild aus ihr hervorquellen, ungezügelt und ungeordnet. Ein Strudel den sie nicht überschauen konnte. Ihre vorbereitete Erzählung bröckelte in ihrem Kopf dahin und verschwand in den wirbelnden Fluten ihrer Gedanken. Geschichten aus ihrer Kindheit, Lieder, Wortfetzen und Stimmen flossen an ihr vorbei. Kurze Panik breitete sich in ihr aus, doch dann fand sie in dem Sturm in ihrem Kopf etwas woran sie sich klammern konnte. Ein Satz, den Enda ihr mit auf den Weg gegeben hatte: „Fühle die Vergangenheit“. So ließ sie von den Gedanken der Vernunft und der Ordnung ab, mit denen sie vorhin den Stab besiegt hatte und ließ sich ganz auf ihr Fühlen ein. Die Erzählung breitete sich plötzlich vor ihr aus, als ob sie ein verborgenes Portal aufgestoßen hätte. Die ersten beiden Prüfungen hatte sie bestanden, jetzt kam die Dritte: die Geschichte selbst. Jetzt war es soweit, es war als wären es Jahre, voll von inneren Kämpfen her, seit der Alte sie aufgefordert hatte den Stab zu nehmen, doch erst wenige Minuten waren verstrichen.
Kenar setzte sich aufrecht hin, die Augen in weite Ferne gerichtet und begann endlich, mit zunächst noch unsicherer dann aber immer stärker werdender Stimme, zu erzählen.

Donnerstag, 7. Juni 2007

Der Stab IV.

Mit noch immer klammen Händen nahm sie den Stab von ihrem Lehrer entgegen. Mit ihren kleinen, aber empfindsamen Fingern konnte sie die Schnitzereien erfühlen. Es war als ob sie sich langsam unter ihren tastenden Fingerspitzen bewegen würden. Sie konzentrierte sich auf ihr Ziel, ihre Erzählung. Die Bewegungen der geheimnisvollen Runenmuster im Stab waren jetzt stärker zu spüren. Es fühlte sich an, als ob der Stab versuchte sich ihr zu entwinden, doch sie hielt ihn fest, wusste sie musste ihn mit ihrem Willen, ihrer angeborenen Macht die sie geschult hatte, bezwingen. Ein Zittern und Rütteln ging in Wellen von dem Stab aus und übertrug sich auf sie. Einige ihrer silbernen Kämme rutschten ihr aus dem Haar und pechschwarze Strähnen lösten sich und fielen in ihr Gesicht. Mit geschlossenen Augen focht sie den inneren Kampf mit ihrem Willen aus, bezwang die Magie des Sprecherstabes schließlich und machte sie sich zu nutze.

Dienstag, 5. Juni 2007

Der Stab III.

Der Alte schien zu bemerken, dass sie zu ihrem Willen und ihrer Entschlossenheit gefunden hatte… „Vergiss nicht, meine Schülerin, wir sind nicht mehr in der Heimat. Zwar leben wir schon lange Jahre hier, aber unsere Geschichten sind immer nur für unser Volk gewesen. Jetzt aber sind wir auch von Menschen und Elfen umgeben. Leben sogar unter ihnen.“, Enda schnaubte „zwar nicht mit ihnen, aber dennoch. Ein neues Zeitalter beginnt für uns. Die alten Geschichten gelten jetzt auch mit für sie. Die Lehren und Warnungen aus unseren Legenden sollen auch ihnen zugänglich werden. Sprich also so, dass auch die Fremden verstehen was gemeint ist. Und jetzt fühle die Vergangenheit.“
Kenar nickte, sie verstand was ihr Lehrmeister wollte. Trotz der langen Zeit von 150 Jahren, die sie nun schon in Leifland friedlich seit ihrer Vertreibung aus den Bergen und Höhlen von Jernstatt lebten, hatte es keine großen Annäherungen mit den Menschen oder anderen Völkern gegeben. Zu verschieden waren die Welten der Zwerge und der Menschen. Doch jetzt sollten die Anderen Einblick in ihr Volk erlangen. Durch die Macht des Stabes und mit Hilfe ihrer Worte und Gefühle.

Montag, 4. Juni 2007

Der Stab II.

„Was wenn ich versage?“, dachte Kenar bei sich. „Wenn ich der Geschichte mit meinen Worten nicht gerecht werde?“ Sie fröstelte, obwohl in dem gemauerten Ofen ein warmes Feuer glimmte. „Der Stab wird mich ablehnen… Dann käme Schande über meinen ganzen Clan und meine Mutter... und“ „Kenar!“ Die Stimme von Enda riss sie aus der Flut ihrer Gedanken und Ängste. „Kenar von Jebel du schaffst es, vertraue auf dich, du wirst schon sehen.“ Seine Stimme klang sanft, mit Verständnis, doch es lag auch Härte darin. Sie wusste, wenn sie den Stab nicht annahm würde dies auch als Versagen gewertet werden und ihr und ihrer Familie Ehrverlust einbringen.

Langsam ließ sie sich jetzt vor dem alten Zwerg nieder, immer noch zweifelnd. Tief und ruhig atmend bereitete sie sich auf ihre Aufgabe vor, betete zu ihren Göttern, der großen Erdmutter Damata’a, der Erzbringerin und ihrem Gefährten, dem Herrn des Feuers, Kulldalagh. Die beide auch hier in der neuen Welt über ihr Volk wachten und ihnen Kraft und Trost spendeten.
Plötzliche Ruhe breitete sich in ihr aus, die Kälte und die Zweifel in ihr begannen zurückzuweichen. Trotzig warf sie ihren schweren, schwarzglänzenden Zopf nach hinten. “Ja!“, dachte sie „ Ich bin dafür geboren Erzählerin zu sein, die Erinnerungen meines Volkes zu tragen. Es ist mein Recht den Stab zu nehmen.“

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Die Rechte aller hier eingestellten Texte liegen komplett bei mir. Ich weiß, es sind vielleicht keine grandiosen Geschichten voller berauschendem Esprit, oder sagenhafte Monumentalwerke, die die Zeit überdauern mögen *lächelt. Aber sie sind meine, es steckt Mühe und Nachdenken drinnen.

Deswegen gilt hier folgendes: Es ist nicht erlaubt die hier veröffentlichten Texte zu vervielfältigen, kopieren, weiter zu bearbeiten, abzudrucken oder sonstwie zu verwenden.

Falls ihr die Texte in irgendeiner Form verwenden wollt, mailt mich bitte an (Lücken bitte entsprechend ausfüllen):
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Der Stab I.

Der Stab
„Ich..ich weiß nicht... ich bin noch nicht...soweit..“ Kenar schluckte hart und sah beklommen den Stab an, den der Erzähler ihres Dorfes ihr entgegen hielt. Der alte Zwerg richtete sich leicht in der warmen Ecke neben dem Ofen auf. Im Halbdunkel des Raumes war das Spiel seiner Gesichtszüge kaum auszumachen, nur schwach waren die schön geflochtenen Zöpfe seines Bartes zu erkennen. Er gab ein kratzendes Geräusch von sich, das wohl ein Lachen darstellen sollte. „Kenar, ich bin zwar alt, aber ich weiß was ich tue, und was ich verlange...“

Die dunklen Augen der jungen Zwergin saugten sich angstvoll an dem langen knorpeligen Holzstab mit den kunstvoll geschnitzten Verzierungen fest. Es war ein Sprecherstab, nur wenige Zwerge durften ihn in den Händen halten und mit seiner Magie die Geschichte aufleben lassen.
Mit der Magie eines solchen Stabes und seinen eigenen Worten und Gefühlen war man in der Lage das Geschehen der Zeit zu erzählen, die Zuhörer an den Empfindungen teilhaben zu lassen, sie in die Geschichte zu führen und in deren Bann zu ziehen. Eine uralte Tradition ihres Volkes. Aber nur wenige hatten die Meisterschaft erlangt mit dem Stab zu sprechen....

Die die es trotzdem versuchten und scheiterten erwartete Schande. Jahrelang hatte sie sich unter der Führung des Alten, Enda von Quorr, auf diesen Tag, diese Prüfung vorbereitet, sich die Worte zurechtgelegt so gut sie konnte. Doch jetzt hatte sie Angst, schreckliche Angst. Was wenn sie noch nicht bereit war? Wenn sie die falsche für dieses Amt war? Die Matar, die Führerin aller Clans, hatte sich bestimmt geirrt als sie sie damals zum Unterricht auswählte.

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